Sophie Korst

Heave Ho

Nachdem uns die Meldungen über verschobene Releases in den letzten Wochen zuhauf erreichten, lassen die nächsten großen Blockbuster noch ein bisschen auf sich warten. Warum also nicht mal schauen, welche kleineren Titel erschienen sind, nachdem nun Milliarden von virtuellen Kugeln bei Call of Duty verschossen und zigtausende (unschuldiger) Monster in Iceborne zu neuen Stiefeln umfunktioniert wurden? In Heave Ho gibt es Mord und Totschlag nur für euer Zwerchfell.

Das kooperative Partyspiel von Le Cartel Studio und Devolver gibt euch ein konkretes Ziel vor: „Don’t fall to your death!“ – Aufs einfachste heruntergebrochen handelt es sich bei Heave Ho um ein Geschicklichkeitsspiel, in dem euer größter Feind die Schwerkraft ist. Ihr findet euch in einer zweidimensionalen Welt wieder, in der es meist darum geht, vom linken zum rechten Bildschirmrand ins Ziel zu gelangen. Das ist mitunter sehr schwierig, denn der Weg wird allenfalls durch ein paar in der Luft schwebende Elemente vorgegeben, an denen ihr euch entlanghangeln müsst. Problem: Ihr seid ein Kopf mit Armen. Ganz recht, ein Kopf mit Armen. Das sieht nicht nur im positivsten Sinne total behämmert aus, sondern ist entscheidend für das Gameplay. Eure einzige Möglichkeit, sich fortzubewegen, ist mittels linkem und rechtem Trigger die jeweilige Hand zu schließen und sich an allem festzuhalten, was in die Reichweite eurer Griffel gelangt. Indem ihr Schwung holt könnt ihr Hindernisse überwinden. Zur Lachorgie wird das Ganze aber erst, wenn ihr euch mit bis zu 4 Personen vor der Konsole versammelt, denn dann entfaltet Heave Ho sein volles Partypotenzial. Wenn vier haar- und beinlose Orang-Utans versuchen, mittels Festhalten eine Kette zu bilden und durch Pendelbewegungen den richtigen Moment abpassen, um über eine Schlucht zu schwingen, dabei aber stattdessen Hand in Hand dem Boden entgegen rasen und die eigene Spielfigur Geräusche wie „Höhähühöä“ von sich gibt, bleibt kaum ein Auge trocken.

 Ohne Teamwork funktioniert hier nichts. Wie schon Gimli vor den Toren von Helms Klamm, braucht auch ihr mindestens einen Aragorn, der euch wirft. Doch schafft es jemand mal nicht ins Ziel oder geht im Laufe des Levels „verloren“, können die anderen einen Rettungsballon losschicken, der immerhin durch geschicktes Manövrieren seiner Bestimmung zugeführt werden muss. Erreicht keiner der Spieler das Ende des Levels, erscheinen nach etwa zehn Minuten Hilfselemente, an denen man sich über schwere Hindernisse hinweghangeln kann. Somit kann das Spiel auch jenen empfohlen werden, die weniger mit der Materie vertraut sind. Gleichzeitig bleibt das Spiel sehr knackig, entscheidet man sich gegen solche Hilfsmittel.

Das Leveldesign reicht von Dschungellandschaften über Zirkusmanegen, bis hin zum Panorama des Mount Fuji. Ständig wird ein neues Gimmick eingeführt: Gelegentlich sind Plattformen unsichtbar, ein anderes Mal nehmen euch wild kotende Vögel die Sicht und hin und wieder schreitet ein pupsendes Lama genüsslich durchs Bild. Uns hat der stumpfe Humor sehr gut gefallen. – Heave Ho lädt zum physikalischen Experiment ein und erzeugt dadurch immer wieder legendäre „Was soll’s“-Momente. Sind diese ohne jede Absicht von Erfolg gekrönt, dann seid euch sicher, wird dies ein goldener Moment der Freundschaft und der Glückseligkeit. Lasst ihr bei der nächsten Aktion aufgrund einer spontan entstandenen Links-Rechts-Schwäche euren Kameraden in ein Meer aus Stacheln fallen, steigert das hingegen die Backpfeifengefahr, mindert den Spielspaß jedoch in keinster Weise. Und wem das alles noch zu einfach ist, der kann in jedem Level Bonusmünzen sammeln und hin und wieder auch –level mit witzigen Minispielen freischalten. Für die gesammelte Währung können weitere Kostüme für euren Kopfarmler freigeschaltet werden.

Geht auch manchmal: Ohne Teamwork, stattdessen chaotisch und unkoordiniert ins Ziel. Wer zurückbleibt, wird ausgelacht.

Fazit:
Die quirlige Physik, die dümmlichen Gesichter und das ein oder andere Hauruckmanöver sorgen in jedem Fall für viele spaßige Abende. Spätestens wenn man herausgefunden hat, wie man sich gegenseitig durch das Level „boxen“ kann, gibt es kein Halten mehr. Man beginnt selbst die Geräusche, die die Figuren von sich geben, nachzumachen. Das Spiel befriedigt auf subtile Weise unseren inneren prä-pubertären Teenager, ohne dabei lächerlich oder langweilig zu werden und fordert zur selben Zeit unsere motorischen Fähigkeiten am Pad. Wer auf der Suche nach einem Titel für geballten Couch-Koop-Spaß ist – Heave Ho

Tales of the Neon Sea

Auf der Gamescom 2018 angespielt – sofort verliebt – sehnsüchtig erwartet – nun endlich spielbar. Die neue Adventure-Puzzle-Indie-Perle Tales of the Neon Sea entwickelt von Palm Pionieer und published by Zodiac Interactive könnte sich in dem leicht unterbesetzten Genre als eine bunte Offenbarung für Knobelfans herausstellen.

„Die Welt ist gebaut auf einer Mauer, die die Arten trennt. Erzählen wir beiden Seiten, es gibt keine Mauer handeln wir uns einen Krieg ein“ – Blade Runner 2049

In Form eines farbgewaltigen Pixel-Abenteuers entführt uns Tales of the Neon Sea in eine Blade-Runner-Esque Zukunftswelt, in der Roboter und Menschen zumindest auf dem Papier eine friedliche Koexistenz anstreben. In der Praxis sieht dies jedoch anders aus. Eine reibungslose Symbiose zwischen Roboter und Mensch scheint in jedem Szenario zum Scheitern verurteilt. Auch hier wird ein andauernder Konflikt geführt, welcher – gut geölt durch Misstrauen und Intrigen – den Kontext unseres Abenteuers schafft.

Wir spielen Ex-Polizeiermittler Nebel, der seine besten Tage als Spürnase hinter sich hat und seitdem seine Zeit – neben dem Konsum von Rauschmitteln – mit dem Annehmen kleinerer detektivischer Auftragsarbeiten verbringt.

Ohne zu wissen, was passiert ist, erwachen wir in einer düsteren Gasse und unsere erste Mission besteht darin, humpelnden Schrittes dem Tod zu entkommen. Schon direkt in die ersten Rätselmissionen hereingeworfen, erfahren wir immer mehr über unsere Person und die knallbunte Cyberpunk-Welt, in der wir existieren. Auf kreative und eingängige Art wird man schnell an die Steuerung und grundlegende Mechaniken herangeführt. Die Rätsel sind logisch aufgebaut und nach einigen Versuchen findet man sich schnell zurecht. In unserer ersten Amtshandlung besorgen wir uns durch eine kleine Tüftelei mit Hilfe verschiedener Drehmechaniken unseren verlorengegangenen Hut zurück. Ein Detektiv kann schließlich keine Fälle ohne seine stilechte Kopfbedeckung lösen.

Nach dem kurzen Tutorial folgt ein Rückblick, der uns gleich einige Jahre in die Vergangenheit zurückwirft. Hier setzt die eigentliche Handlung ein. Wir sind mit der Aufklärung eines anfänglich banal wirkenden Mordfalls beauftragt worden. Es wird nicht zu viel vorweg gegriffen, wenn wir sagen, dass sich innerhalb kürzester Zeit die Ereignisse überschlagen und wir uns inmitten einer möglichen Verschwörung befinden, deren Verursacher es scheinbar auf die brüchige Koexistenz von Robotern und Menschen abgesehen haben. Investigative Fertigkeiten sind hier gefragt! Ist dies der Anfang einer Roboter-Revolte? Sind die Gesetze Asimovs nichts mehr wert? Oder sind die Menschen das Problem?

Auf unserem Weg begleitet uns unser treuer Gefährte Wilhelm – ein schwarzer Kater, der uns bei der ein oder anderen Gelegenheit bei unseren Nachforschungen unterstützt. Wie sich im Verlauf des Spiels herausstellt, hat auch er in seiner Katzenwelt einige Ermiauttlungen zu führen. Nicht einmal Katzen können in dieser Zeit einer abgesicherten Zukunft entgegensehen.

“Stagnation macht meinen Geist rebellisch! Geben Sie mir Probleme, geben Sie mir Arbeit!” – Sherlock Holmes

In Tales of the Neon Sea erwartet uns ein Potpourri aus unterschiedlichen Rätseln. Von schlichten Puzzle- und Schieberätseln über anspruchsvolle Logikrästel bis hin zu höchster detektivischer Kombinationsgabe wird alles abverlangt, was ein wahrer Ermittler in seinem Portfolio vorweisen sollte. Je tiefer man in die Welt hineintaucht, desto anspruchsvoller werden auch die Rätsel. Zu einem gewissen Zeitpunkt fächert sich der bis dato recht lineare Spielverlauf zu einer großen Spielwelt mit zahlreichen Abzweigungen aus, in welcher man nicht selten überlegen muss, welchen (Tat-)Ort man als nächstes aufsucht.

“Trauen Sie niemals allgemeinen Eindrücken, mein Junge, sondern konzentrieren Sie sich auf Einzelheiten.” – Sherlock Holmes

Fazit:
Die fortgeschrittenen Rätsel sind sehr fordernd und verlangen einem nicht wenig Hirnschmalz ab, doch ist es diese Herausforderung, aus der auch der größte Reiz hervorgeht. Umso schwerer die zu knackende Kopfnuss, umso größer auch die anschließende Euphorie, wenn man die verdammten, versteckten Hinweise findet, die einen zu des Rätsels Lösung führen.
Die vielen kleinen Gimmicks, wie Anspielungen an Sherlock-Holmes oder Asimovs Robotergesetze, machen die liebevolle und detailreiche Gestaltung des Spiels aus. Tales of the Neon Sea besticht nicht nur durch seine Pixelgrafik, sondern auch durch die beinahe fiebrig-dystopische Atmosphäre, die durch unterschwellig wummernde Synthie-Sounds perfekt ergänzt wird. Es erinnert an einen spielbaren, mehrstufigen Escape-Room und kombiniert dabei in seiner Spielmechanik Spieleklassiker wie beispielsweise „The Witness“ oder „Day of the Tentacle“. Rätselfreunde und Kombinationsenthusiasten kommen voll auf ihre Kosten.