Comic Empfehlungen Oktober 2020

Für wen sind eigentlich Comics gedacht und in welcher Altersspanne sollte und kann ich was lesen? Das sind Fragen, die einem öfter einmal gestellt werden (noch öfter kommt die Frage “Wie kann ich bitte in das Thema Comics am Besten einsteigen?”). In diesem Monat versuche ich darauf eine Antwort zu geben, denn ich habe tatsächlich ein breites und abwechslungsreiches Programm für euch vorbereitet. Wir haben eine Origin-Story* aus meinem Lieblings-Comic-Imprint*, die eine oft erzählte Geschichte mit neuen Ideen erweitert. Darüber hinaus zeige ich euch im Anschluss daran eine Superhelden-Welt, die abseits von Marvel und DC stattfindet. Zu guter Letzt möchte ich euch noch einen Comic zeigen, der eine eher unübliche Thematik behandelt und vor allem mal jenen vorgelegt werden kann, die sonst nur verächtlich die Nase rümpfen, sobald es um Comics geht. (Das werde ich so oft einbauen, bis ich nie wieder hören muss, dass Comics „ja nur was für Kinder sind“)

Um es Einsteigern erneut so einfach wie möglich zu machen, markiere ich wieder alle *Fachbegriffe und erkläre sie am Ende des Textes in einem Glossar. 

Harley Quinn – Breaking Glass – Jetzt kracht’s!

Story

Harleen Quinzel kann man mit vielen Adjektiven beschreiben: Vorlaut, exzentrisch, sprunghaft, verrückt. Das Adjektiv, welches wohl am besten passt ist “rebellisch”. Mit nur 5 Dollar in der Tasche zieht es die junge Harley nach Gotham City und wieder einmal scheint sie auf sich allein gestellt zu sein. Als sie von der exzentrischen Dragqueen Mama aufgenommen wird, kommt Harley zum ersten Mal in ihrem Leben an einem Ort wirklich an. Sie findet in der Schule rasch eine Freundin in der politisch aktiven Ivy und man erfährt schnell vom antikapitalistischen Verbrecher, dem Joker. Als ihr neues Zuhause von der Gentrifizierung bedroht wird, muss sich die junge Harley entscheiden, ob sie mit Ivy die Seite des friedlichen Protestes wählt, oder ob sie sich dem Joker anschließt. 

Meinung

Wo fange ich da am besten an? Mit Harley Quinn Breaking Glass war Mariko Tamaki nicht umsonst für den Eisner Award* 2020 in der Kategorie “Best Publication for Teens” nominiert. Die Comiczeichnerin hat sich auch quasi von 0 auf 100 in mein Herz geschrieben. Breaking Glass schafft es nicht nur der problematischen Origin Story* von Harley Quinn einen frischen und interessanten Spin mitzugeben, der Comic schafft es auch perfekt, aktuelle Probleme für ein junges Publikum aufzuarbeiten und verständlich zu machen. Dabei ist die Erzählung nie belehrend, die Diversität nie forciert und die LGBTQ+-Repräsentation immer supportiv. Breaking Glass passt einfach perfekt in die aktuelle Zeit und ist ein wundervolles Geschenk gerade für junge TeenagerInnen, die den Einstieg in die Comicwelt wagen möchten. Die Zeichnungen stehen dabei der Erzählung auf keiner Ebene nach und haben das interessanteste Joker Design der letzten Jahre im Gepäck. Das DC Imprint* namens DC Ink wurde im übrigen von Panini ins deutsche übernommen als Panini Ink. Dort erscheinen nun nicht nur DC Ink Comics, sondern auch von Panini ausgewählte Marvel Comics, die gut in das Young Adult Genre passen. Das wird mit Sicherheit nicht der letzte Comic aus diesem Imprint* sein. 

Hardfacts

Verlag: DC Comics (US), Panini Comics (DE)

Autorin: Mariko Tamaki

Künstler: Steve Pugh

Format:  SC *

Umfang: 208 Seiten

Inhalt: Harley Quinn Breaking Glass

Preis: 16,99 € (DE), 12,99 $ (US)


Invincible Band 1

Story

Auf den ersten Blick erscheint Mark Grayson wie ein normaler Teenager. Seit seine Kräfte endlich erwacht sind, kämpft er jedoch als Superheld Invincible für das Gute. Mark ist nämlich der Sohn des mächtigsten Superhelden der Erde: Omniman. Schnell muss er lernen, dass das Superheldenleben nicht so einfach ist, wie er sich das vorgestellt hat und dass so eine Geheimidentität das Privatleben mehr als nur auf den Kopf stellen kann. Als die Guardians of the Globe – das größte Superhelden-Team der Erde – ausgelöscht wird, zieht es Mark hinein in eine Verschwörung, die seine Fähigkeiten und seinen Horizont komplett übersteigen

Meinung

Wer sich jetzt sowas denkt wie “ Boah, das hört sich an wie die generischste Superhelden Reihe überhaupt”, der hat recht. Ich habe die Zusammenfassung tatsächlich exakt so gewählt weil ich diesen Gedanken am Anfang der Geschichte selbst hatte. Invincible spielt tatsächlich mit Superhelden Klischees. Es macht es aber auf eine Art und Weise, dass es sogar eher eine Stärke ist. Der Comic ist mittlerweile über 17 Jahre alt und erscheint aktuell in einem Re-Release in Deutschland. Das Ding schafft es trotz seines Alters, sich im Jahr 2020 zu 100 % frisch und aktuell anzufühlen. Zum einen erschafft er ein kohärentes und großes Universum, ohne in unendliche Sideplots zu zerfasern (etwas, das Marvel seit Jahren nicht mehr schafft) und zum anderen sind die Charaktere in Invincible einfach immer nachvollziehbar und menschlich. Der Comic spricht dabei vor allem in späteren Bänden sehr erwachsene Themen wie Alkoholismus, Trauerbewältigung und Traumabekämpfung an. Robert Kirkman hat es damals geschafft, das Superhelden-Genre zu nehmen und trotz eines generischen Grundgerüsts zu begeistern. Wohlgemerkt sieben Monate, bevor er das mit The Walking Dead und der Zombie-Thematik nochmal geschafft hat. 

Kleiner Tipp am Rande: 2021 erscheint bei Amazon eine Animation-Serie zu Invincible und wie der Zufall es will, ist vor kurzer Zeit der erste Trailer dazu erschienen.

Hardfacts

Verlag: Image Comics (US), CrossCult (DE)

Autorin:Robert Kirkman

Künstler: Cory Walker

Format:  SC *

Umfang: 352 Seiten

Inhalt: Invincible 1-13

Preis: 30,00 € (DE), 34,60 $ (US)


En Garde!

Story

Bevor ich die Story für diesen Comic zusammenfasse, muss ich eine Trigger-Warnung aussprechen. Der Comic behandelt die folgenden Themen: Gewalt in einer Beziehung, Depression, Selbsthass, sexuelle Gewalt und Selbstverletzung. Solltet ihr auf diese Themen reagieren, lest bitte nicht weiter.

Endlich beginnt er. Die teilnehmenden Frauen sind sich zwar noch nicht sicher, was sie von dem therapeutischen Fechtkurs halten sollen, doch sie alle eint die Hoffnung, dass sie endlich ihre Traumata überwinden und mit ihrem Leben weitermachen können. Lucie schläft zum Beispiel nach ihrer gewalttätigen Ehe mit dem Messer unter dem Kopfkissen und muss verarbeiten, dass sie mit ihrem Exmann das Sorgerecht teilt. Tamara versucht ihren Schmerz in Sex, Alkohol und Drogen zu ertränken und stößt die Personen, die ihr zu helfen versuchen, immer weiter weg. Nicole hingegen hat bereits alle um sich herum weggestoßen und versucht sich einfach nur noch in Luft aufzulösen. Mit dem Fechtkurs haben sie nun die Chance ihr Leben wieder unter ihre eigene Kontrolle zu bringen. Gemeinsam wachsen die drei Frauen über sich hinaus und eine feste Bindung entsteht zwischen ihnen. 

Meinung

Nachdem Quentin Zuttion mit Nennt mich Nathan bereits das Thema Transgender mit Fingerspitzengefühl und viel Herz erzählt hat, nimmt er sich nun das nächste “schwere” Thema vor. Dass das Ganze trotz seiner letztlich lebensbejahenden Botschaft bei weitem kein Feelgood-Comic ist, sollte jedem nach der Triggerwarnung und der Zusammenfassung der Geschichte klar sein. Ich hatte beim Lesen ständig einen Kloß im Hals und bei einem Reveal der Charaktere sofort Tränen in den Augen. Die Themen vor denen ich eingangs gewarnt habe, werden hier schonungslos besprochen und exakt das macht den Comic so gut. Wir müssen uns vor Augen halten, dass die Probleme diese drei Frauen alltägliche Probleme unserer Gesellschaft sind. Und auch wie im ersten Comic dieses Blogposts greift En Garde! hier auf keinen Fall in eine Klischeekiste. Quentin Zuttion schafft es, dass die Themen auf Augenhöhe abgehandelt werden, der nötige Ernst niemals abhanden kommt, man aber zugleich auch nicht belehren will. Der Leser befindet sich immer auf einer Ebene mit den Figuren und kann deshalb leichter mit ihnen mitfühlen. En Garde! ist dabei schlicht ein meisterliches Beispiel dafür, was Comics alles sein können. 

Hardfacts

Verlag: Splitter (DE)

Autorin: Quentin Zuttion

Künstler: Quentin Zuttion

Format:  HC *

Umfang: 208 Seiten

Inhalt: En Garde!

Preis: 29,80 € (DE)

Glossar

Imprint: Ein Unterverlag in dem meist Comics für eine gewisse Zielgruppe erscheinen

Origin Story: Die Entstehungsgeschichte einer Figur

sc: Softcover

hc: Hardcover

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