Desperados 3

Mimimi Productions zaubert mit Desperados 3 eins der abwechslungsreichsten Echtzeit-Taktikspiele der letzten Jahre auf den Bildschirm. Dass die Jungs und Mädels des Münchner Entwicklerstudios Ahnung von der Materie haben, konnten sie schon mit Shadow Tactics: Blade of the Shogun unter Beweis stellen. – Nun verschlägt es uns also in den wilden Westen. Es geht um Rache, eine gierige Eisenbahngesellschaft und eine Bärenfalle namens Bianca.

Wenngleich es sich um den dritten Teil der Reihe handelt, benötigt ihr keinerlei Vorwissen. Das Spiel erzählt die Anfänge der Bande rund um den Revolverhelden John Cooper. Ihr erfahrt, wie das Schicksal ihn, Kate O’Hara, Hector, Doktor McKoy und Neuzugang Isabelle zusammenbringt, um die fiesen Machenschaften der DeVitt Company zu einem vorzeitigen Ende zu bringen.  

Um das hier direkt einmal abzuhandeln: Die Geschichte von Desperados 3 lässt sich mit dem Wort „solide“ bestens beschreiben. Sie bietet einen angenehmen Rahmen, drängt sich nicht auf, sollte aber auch niemanden überraschen, der schon einmal einen Western gesehen hat. Das ist allerdings nicht weiter schlimm, da so die anderen fantastischen Elemente des Spiels viel mehr zur Geltung kommen.

Fangen wir zunächst beim Gameplay an: In guter Commandos-Manier steuert ihr eure Truppe über eine mit Feinden gespickte Karte, müsst dabei weitestgehend unerkannt bleiben und dafür mit viel Fingerspitzen- und Taktikgefühl vorgehen. Jeder Gegner besitzt einen Sichtkegel. Verweilt ihr zu lange darin, wird Alarm geschlagen und mit hoher Wahrscheinlichkeit werdet ihr die nächsten Sekunden nicht überleben. Macht euch darauf gefasst, häufiger ins Gras zu beißen als eine Herde amerikanischer Wasserbüffel. Dank einer sehr schnellen Speicher- bzw. Ladefunktion macht das aber überhaupt nichts und mit ein bisschen Übung feiert ihr schon bald eine Parade der wohl aufeinander abgestimmten Manöver.

Jeder Charakter besitzt unterschiedliche Fähigkeiten. Cooper ist zielsicher mit seinem Messer, Hector besitzt die Stärke eines Bären und könnte mit seiner geschulterten Falle Bianca wahrscheinlich sogar einen erlegen. McKoy versteht sich auf einschläfernde Gase und präzise Distanzschüsse, während die schöne Kate ihre Feinde bezirzt und vom Ort des Geschehens weglocken kann. Neuzugang Isabelle ist eine waschechte, zertifizierte Voodoopriesterin, kann Gedanken kontrollieren und das Schicksal zweier Feinde aneinander ketten. Plumpes Rumgeballer ist zwar möglich, aber zumeist wenig zielführend. Aufgrund des Lärms seht ihr euch schnell einer Übermacht ungewaschener Pistoleros gegenübergestellt. Hier mal ein Beispiel für ein gutes Manöver: Zwei Gegner bewachen den Schuppen, in welchem das Dynamit lagert, das wir so dringend für die Sprengung der Eisenbahnbrücke benötigen. Den einen lockt Kate dank ihrer reizvollen Art von der Tür weg, geradewegs in Hectors aufgestellte Bärenfalle. Außer Sichtweite wird der Unglückliche in einen Busch geschleift, während im selben Moment Doc und Cooper die sich nähernde Patrouille mit gekonnten Bud-Spencer-Schellen von hinten überraschen. Gefesselt und verscharrt stellen auch diese Herren keine Bedrohung mehr dar. Die letzte verbleibende Wache betäuben wir für wenige Sekunden mit Kates – nun ja – Parfüm, was uns genug Zeit verschafft, unsere Deckung zu verlassen, auf den Kerl zuzulaufen und auch ihn ohne den Einsatz einer einzigen Kugel unschädlich zu machen. Das Ganze passiert binnen weniger Sekunden und bedarf eines guten Timings. Mithilfe des Showdown-Modus könnt ihr das Spiel pausieren und eurem Team Befehle geben, die daraufhin parallel ausgeführt werden. Desperados verlangt von euch in seinen besten Momenten absolute Perfektion. Dazu sei gesagt, dass der Autor dieser Zeilen im Normalfall bei jener Art von Spielen auch damit zufrieden ist, alle Gegner lediglich auszuschalten, ganz gleich wie elegant der Weg dahin ausfällt. Frei nach dem Motto: Schleichspiele sind nur so lange Schleichspiele, bis man auffliegt, um dann wie Rambo wild um sich zu ballern. In Desperados hingegen fühlen sich gut geplante Manöver so belohnend an, dass ihr lieber noch einmal neu ins Spiel ladet, bevor ihr euch mit der Holzhammer-Methode zufriedengebt, dabei aber wertvolle Kugeln und auch Lebensenergie verliert.

Der wahre Star des Spiels sind jedoch die gigantischen, liebevoll ausgearbeiteten Karten, auf denen ihr euch teilweise für mehrere Stunden aufhaltet. Zu Beginn einer jeden Mission ist es wichtig, sich genügend Zeit für die Planung zu nehmen. Es gibt verschiedene Lösungswege. In einer Mission müssen wir einige hochrangige Ziele in einer typischen Westernstadt ausschalten. In welcher Reihenfolge und wie wir dabei vorgehen, ist uns komplett selbst überlassen. Natürlich kommt man auch durch einfaches Töten zum Ziel, doch dann würdet ihr den größten Spaß verpassen. Schaut euch um, belauscht Zivilisten bei ihren Gesprächen und erfahrt Dinge über die Karte, auf der ihr euch bewegt. „Letzten Sonntag wäre beim Gottesdienst fast die Kirchenglocke auf die halbe Gemeinde gefallen!“ – Ach ja? So ein Zufall, dass eines unserer Ziele mit einer Bande nach Whiskey stinkender Tunichtgute um diese Kirche herumstreunert. Also erklimmen wir unbemerkt den Kirchturm, fummeln ein bisschen am Glockenseil herum und beobachten mit einem diebischen Grinsen das donnernde Schauspiel. Solche Gelegenheiten bieten euch die Karten immer wieder. Von herunterstürzenden Klavieren zu vergifteten alkoholischen Getränken über Stiere, die wir mit einem gut gezielten Münzwurf provozieren und einen vorbeilaufenden Cowboy auf die Hörner nehmen lassen – Desperados drückt euch durch die Manipulation eurer Umgebung sowie die sehr unterschiedlichen Fähigkeiten eurer Charaktere einen bunten, tödlichen Blumenstrauß in die Hand. Auch die insgesamt 16 Missionen könnten kaum abwechslungsreicher ausfallen. Mal geht es um das simple Ausschalten übler Halunken, mal crasht ihr eine Hochzeit und mal lest ihr mit eurem Team verkatert die Scherben der durchgezechten Nacht auf und versucht dabei zu verstehen, warum die halbe Stadt hinter euch her ist, während die andere Hälfte mehr oder weniger in Schutt und Asche liegt.

Fazit:

Desperados bietet für viele Stunden Taktik-Action vom Allerfeinsten. Die Charaktere um John Cooper wachsen euch aufgrund ihrer Interaktion miteinander schnell ans Herz. Sämtliche Fähigkeiten wirken so gut aufeinander abgestimmt, dass wir uns zu keiner Zeit dabei erwischten, immer mit derselben Taktik auf billige Art und Weise einen Vorteil zu erhaschen. Für nahezu jede Situation braucht ihr eine neue Vorgehensweise. So muss sich ein gutes Taktikspiel anfühlen! Dass ihr nach jeder Mission noch einmal im Zeitraffer übersichtlich zusammengefasst bekommt, welche Wege und Möglichkeiten ihr gewählt habt, ist obendrein ein sehr schönes Feature. Außerdem wird durch die Beziehung des hünenhaften Hector zu seiner Bärenfalle Bianca eine der herzerwärmendsten Liebesgeschichten seit Twilight erzählt. Freunde der Echtzeit-Taktikspiele: Greift zu.

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